DAS KAPITAL

Konzert #225 - Sonntag, 24. Februar 2019, 20 Uhr

Daniel Erdmann - tenor sax
Hasse Poulsen - guitar
Edward Perraud - drums

Einem breiteren Publikum bekannt wurde das Trio Das Kapital mit eigenwilligen Bearbeitungen von Liedern aus dem Werk Hanns Eislers. 2009 berührten und begeisterten sie damit auch die Konzertgäste im Kulturspeicher Leer. Inzwischen sind wir zehn Jahre weiter. Das 2002 gegründete Trio gibt es immer noch und überrascht aktuell mit einem Album, das sich mit der Musik des Landes beschäftigt, in dem seine Mitglieder leben.

Nach drei Tonträgern mit Eisler-Material, einer schräg-schönen Weihnachts-CD sowie »Kind of Blue«, einem Album mit Eigenkompositionen, heißt der neueste Wurf des Trios »Vive la France«. Auf ihrer historisch-musikalischen Spurensuche gingen der deutsche Saxofonist Daniel Erdmann, der dänische Gitarrist Hasse Poulsen und der französische Schlagzeuger Edward Perraud nicht nur die naheliegenden Wege. Ja, Lieder wie »La mer« und »Ne me quitte pas«, die zu Weltklassikern wurden, sind auch mit dabei. Daneben dann aber auch solche, die nicht sofort mit Frankreich in Verbindung gebracht werden, etwa der von Patrick Hernandez gesungene Disco-Knaller »Born to be alive« oder »Comme d'habitude«, die französische Vorlage zu Sinatras Ego-Hymne »My way«.

Fundgruben für Erdmann, Poulsen und Perraud waren aber nicht nur Pop und Chanson, außerdem beschränkten sie sich nicht auf das 20. Jahrhundert. Erik Satie ist in ihrer Auswahl ebenso zu finden wie Musik aus Renaissance und Barock. Doch egal, wie bekannt oder unbekannt, alt oder noch einigermaßen jung die ausgesuchten Stücke auch sind: Mit Witz und Eleganz schneidert das Trio den höchst unterschiedlichen Vorlagen ein hinreißend neues Klanggewand, das ursprüngliche Genre-Zugehörigkeiten vergessen lässt oder gar absichtsvoll konterkariert - etwa wenn das ehemals hedonistische »Born to be alive« bluesige Züge annimmt oder ein Stück wie »Vertigo«, geschrieben Mitte des 18. Jahrhunderts, plötzlich zu rattern beginnt wie eine Punkjazz-Parodie.

Mit dem neuen Album »Vive la France«, das sie im Februar in Leer und anderen Städten vorstellen werden, erweisen Erdmann, Poulsen und Perraud der Musik ihrer ersten respektive zweiten Heimat Referenz. Aber erwartungsgemäß erstarrt das schon immer meinungsfreudige Trio nicht in Ehrfurcht. »Der Titel der neuen Platte ist natürlich ironisch gemeint«, sagt Daniel Erdmann: »Es ist doch total absurd, dass Nationalisten jetzt an vielen Orten wieder stärker werden. Manche der Stücke, die wir eingespielt haben, mögen zum nationalen Kulturgut Frankreichs gehören, aber sie sind sicher kein Soundtrack zu Patriotismus.«

»Ist das deutsch-dänisch-französische Trio eigentlich noch eine Band oder schon eine Institution? Auf jeden Fall ist Das Kapital für den aktuellen Jazz über die Mitte Europas hinaus unschätzbar ...«
Ulrich Steinmetzger