Grußwort zum 150. Konzert von Dr. Wolfram Knauer

Dr. Wolfram Knauer, Direktor des Jazzinstituts DarmstadtDie Konzertreihe »Jazz live im Speicher« begann 1992 mit einem Auftritt des Saxophonisten John Tchicai, des Bassisten Peter Niklas Wilson, des Schlagzeugers Makaya Ntshoko und der Pianistin Margriet Naber. Alle diese Musiker stammen aus der eher freien Szene des zeitgenössischen Jazz, gewidmet war ihr Konzert aber dem Werk Jelly Roll Mortons, einem der großen Komponisten aus der Jazzfrühgeschichte.

Schon dieser erste Abend hatte damit etwas Programmatisches. Denn seitdem hat die Jazzreihe im Leeraner Kulturspeicher viele weitere hochrangig besetzte Konzerte aus dem zeitgenössischen Spektrum präsentiert, immer darauf bedacht, dass der Jazz hochaktuell ist und stolz auf seine Geschichte. In Leer waren deutsche, europäische, amerikanische, japanische, australische und neuseeländische Künstlerinnen und Künstler zu erleben, die konsequent ihren Weg gehen, ihre eigene Musik machen. Auffallend dabei, dass die Programmgestalter sehr oft solche gewählt haben, die eine gewisse Offenheit besitzen und sich selbstbewusst aus mehreren stilistischen Schubladen bedienen.

Bestes Beispiel dafür ist die aktuelle Staffel, in der dazu noch das 150. Konzert der Reihe gefeiert werden kann. Es sind Veranstaltungen, die nach vorne schauen, »cutting edge« im besten Sinne des Wortes, irgendwo im Jazz und der improvisierten Musik verwurzelt, von Interaktion und Kommunikation lebend, eine Musik präsentierend, die laufend Neues produziert, spannend bleibt für alle Beteiligten.

Vor sechs Jahren habe ich aus Anlass des 100. Konzerts einen Grundbefund formuliert. Er gilt weitgehend noch immer, denn abseits von Festival-Events ist die Zahl hochqualitativer Konzertreihen in der deutschen Jazzszene überschaubar geblieben: Leer kann stolz sein auf ein Programm, das seinesgleichen sucht, im Nordwesten sowieso, aber auch im bundesrepublikanischen Vergleich.

Dr. Wolfram Knauer
Direktor des Jazzinstituts Darmstadt