Jazzinstitut Darmstadt

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"Die Konzertreihe "Jazz live im Speicher" begann 1992 mit einem Konzert des Saxophonisten John Tchicai mit dem im Oktober 2003 verstorbenen Bassisten Peter Niklas Wilson, dem Schlagzeuger Makaya Ntschoko und der Pianistin Margriet Naber. Alle dieser Musiker stammen aus der eher freien Szene des Jazz, aus dem zeitgenössischen Jazz, aber ihr Programm widmete sich der Musik Jelly Roll Mortons, eines der großen Komponisten aus der Frühgeschichte dieser Musik. Vielleicht ist das ein wenig Programm für die Jazzreihe im Leerer Speicher, die seit diesem ersten Konzert viele hochrangig besetzte Konzerte aus dem zeitgenössischen Spektrum präsentiert hat, immer darauf bedacht, dass der Jazz auch heute hochaktuell ist und zugleich stolz auf seine Geschichte. Im Programm waren deutsche, europäische, amerikanische Bands und Musiker, die kompromisslos ihren Weg gehen, ihre eigene Musik machen. Auffallend immerhin, dass die Programmgestalter immer Musiker gewählt haben, die eine gewisse musikalische Offenheit besitzen, so sicher ihren Weg gehen, dass sie sich stilistisch aus mehreren Schubladen bedienen können. Ray Anderson, Ken Vandermark, Phil Minton, Alexander von Schlippenbach, Nils Wogram, Angelika Niescier, Carlos Actis Dato, das Zentralquartett und all die anderen Musiker, die auf diesem Album zu hören sind, stehen für einen höchst zeitgemäße Ansatz im Jazz, der den spaßvollen Blick über den Tellerrand erlaubt, ja geradezu liebt und damit das Publikum einlädt auf die Reise des musikalischen Entdeckens. Keine Beliebigkeitsstrategien sind das, sondern der professionelle Umgang mit dem Handwerkszeug der jazzmusikalischen Improvisation, die ihre Inspiration aus dem Hier und Jetzt genauso wie aus dem Umgang mit Geschichte, mit musikalischen Verweisen zieht. Jazz steht nach wie vor für eine der kreativsten Musiksprachen, ist eine Musik, die nach vorne blickt, die alle einbezieht, die einzelnen Musiker und ihre jeweilige musikalische Herkunft genauso wie das Publikum. Jazz ist eine Kunst der Interaktion und der Kommunikation, eine Musik, bei der jedes Konzert Neues produziert, spannend bleibt für alle Beteiligten. Der Jazz war eine der einflussreichsten Musikrichtungen des 20sten Jahrhunderts, er hat auch im 21sten nichts an seiner Aktualität und ästhetischen Kritikfähigkeit verloren. Er ist eine Musik, mit der man sich auseinandersetzen kann, um in ihren kreativsten Momenten in der Auseinandersetzung mit der Musik über sich selbst zu lernen.

Es gibt nicht viele hochqualitative Konzertreihen in der deutschen Jazzszene heutzutage. Tatsächlich kann sich das Programm im ostfriesischen Leer mit großstädtischen Veranstaltungsreihen vergleichen lassen – und da stocke ich gleich, denn in den Großstädten sind solche Reihen eigentlich überhaupt nicht mehr zu finden. Leer kann also stolz auf ein Programm sein, dass seinesgleichen sucht, im Norden sowieso, aber auch im bundesrepublikanischen Vergleich."

Dr. Wolfram Knauer, 11. März 2004